5 Tipps für eine ausgeglichene Work-Life-Balance trotz Familie und herausforderndem Job

Egal ob du Kinder hast, betagte Eltern pflegst oder neben deiner Arbeit ein politisches Amt ausübst, alles benötigt Zeit. Lerne in diesem Artikel anhand des Beispiels «Vereinbarkeit von Beruf und Familie», wie du deine Work-Life-Balance nachhaltig verbesserst.


Im Januar 2021 durfte ich für die ETH Alumni den Online-Event zum Thema «Kind oder Karriere? Bitte beides!» durchführen. Bei einer Umfrage bei den Teilnehmenden bestätigte sich, dass alle Anwesenden sich wünschen, sowohl Zeit für die Familie zu haben als auch einen spannenden Job auszuüben. Das traditionelle Rollenmodell, bei dem ein Partner Vollzeit arbeitet und der andere den Beruf aufgibt, um Care-Arbeit zu leisten, ist definitiv dem partnerschaftlichen Rollenmodell gewichen, bei dem beide Eltern nach Möglichkeit Teilzeit erwerbstätig sind und sich zu gleichen Teilen um die Kinder kümmern. Das zeigt, dass sich die Gesellschaft verändert und ein Umdenken hin zu mehr Gleichberechtigung im Gang ist. In so einer Vision von partnerschaftlicher Rollenteilung hat eine 60-Stundenwoche, wie sie auch heute noch oft in Kaderstellen vorausgesetzt wird, keinen Platz. Dafür sind Home Office, flexible Arbeitszeitmodelle und neue Arbeitsformen wie Top-Sharing bei der Generation der 30 – 45-Jährigen umso gefragter. Arbeitgeber tun also gut daran, sich intensiv damit zu beschäftigen, wie sie künftig Talente behalten, bzw. finden wollen, wenn sie nicht in moderne Arbeitsformen investieren.

Als berufstätige Mutter von vier Kindern zwischen 8 und 14 Jahren weiss ich, wovon ich spreche, wenn es um das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Ich habe jahrelang in Teilzeit anspruchsvolle Veränderungsprojekte geleitet, trotz Kindern, immer wieder Weiterbildungen absolviert und war die Erste in der Firma, die eine Führungsposition in einem 70%-Pensum ausübte. Die ersten drei Jahre mit Kind war ich alleinerziehend. Es war die schlimmste Zeit in meinem Leben. Nie hätte ich gedacht, dass mir das passieren würde. Alles war ganz anders geplant! Und nie hätte ich gedacht, dass ich es meistern und mein Leben den neuen Bedingungen anpassen kann. Es war sowohl die härteste wie auch die lehrreichste Zeit in meinem Leben und hat meine Sicht auf vieles verändert. Zum Beispiel die Notwendigkeit, Menschen nicht zu verurteilen, sondern sich Zeit zu nehmen, ihre individuelle Situation und Interessen zu erfassen, egal wie sie sind, und innerhalb dieser Rahmenbedingungen zu agieren. Eine Fähigkeit, die mir geholfen hat, Projekte besser zu leiten und Bedürfnisse besser zu klären und zu kommunizieren.


Später kam mein Mann mit seinen zwei Kindern aus erster Ehe dazu und zwei Jahre darauf hatten wir ein gemeinsames viertes Kind. Die Dinge wurden besser, obwohl die Vereinbarkeit viele Jahre eine Challenge blieb und vor allem ich mich bei den Arbeitszeiten einschränken musste, denn mein Mann arbeitete immer 100% und hatte einen langen Arbeitsweg. Grosseltern hatten wir keine, die im Alltag unterstützen konnten. Dadurch musste ich kreativ werden, forderte Home Office-Tage und flexible Arbeitszeitmodelle ein, damit ich die Kita Bring- und Holzeiten einhalten konnte, und war Vorreiterin für viele andere Eltern in der Firma, die es mir später nachmachten.

«Willst du eine Veränderung, musst du dich voll ins Zeug legen»

Ist es überhaupt realistisch, mit Kind und forderndem Job eine ausgeglichene Work-Life-Balance anzustreben? Von Betroffenen höre ich oft: «Als Fach- oder Führungskraft sind wir schon genug gefordert und abends oft einfach nur k.o. Was soll das also mit der Work-Life-Balance?! Nebst Familie noch Zeit für Hobbys, Freunde, Sport, Zeit für mich… Das gibt es nicht für berufstätige Eltern!»


Ich sage: Doch, das gibt’s! Aber du musst dir die Zeit dafür auch nehmen und kreativ sein. Um regelmässig Sport zu machen, kannst du zum Beispiel mit dem Velo zur Arbeit fahren oder eine Konzeptarbeit in die Natur verlegen und mit einer kleinen Wanderung verbinden. Auch Home Office hilft enorm beim morgendlichen Stress mit den Kids und dass die älteren Kinder vor dem Abendessen die Hausaufgaben erledigen, wenn sie am Nachmittag von der Schule kommen. - Als ich alleinerziehend war, hörte ich immer wieder von Menschen aus meinem Umfeld: «Was willst du mehr als was du hast! Sei doch froh, dass dies und das.» - Ich habe nicht auf sie gehört, sondern auf mein Herz. Meine Zukunftsvision war klar: Ich würde eine spannende Stelle haben mit flexiblen Arbeitsmöglichkeiten und Gestaltungsfreiraum, auch künftig Verantwortung übernehmen und mich beruflich weiterentwickeln. Zur Vision gehörte auch wieder ein Partner, denn für mich war klar, dass ich nicht allein durchs Leben gehen wollte. Später kamen dann wieder mehr Sport und genügend Zeit für Freunde und weitere Dinge dazu. Natürlich war es anstrengend, diese Ziele zu erreichen und Schritt für Schritt aufzubauen, doch es hat sich gelohnt. Heute geniesse ich die Früchte meiner Arbeit.


Nach 10 Jahren harter Arbeit bin ich genau da, wo ich hinwollte: Ich habe eine ausgeglichene Work-Life-Balance, einen spannenden Job und eine Familie, bei der sich alle Mitglieder gegenseitig unterstützen und wohl fühlen dürfen. Und ich bin bereit für die Zukunft. Kann mein Trainings- und Coaching-Business ausbauen oder könnte mir auch vorstellen, in ein paar Jahren selber in einem Top-Sharing wieder Führungsverantwortung zu übernehmen. Wir werden sehen. Die Perspektiven sind da, trotz Einschränkungen von aussen, denn als Patchworkfamilie gibt es zusätzliche Komplexität. Es ist ein Lernprozess, den du aktiv mitgestalten kannst und musst. Willst du eine Veränderung, musst du bereit sein für ein hartes Power-Training, analog der Vorbereitung auf einen Marathon. Es geht nur, wenn du dich voll ins Zeug legst und bereit bist, an dir zu arbeiten, bis zum Limit.


5 Tipps, wie auch du zu einer ausgeglichenen Work-Life-Balance kommst

  1. Sei dankbar für das, was du bereits hast.

  2. Mach dir Gedanken darüber, was deine wahren Wertvorstellungen sind und wie du dein Leben danach ausrichten möchtest.

  3. Manchmal braucht es eine Starthilfe, z. B. andere Menschen, die mir aufzeigen, wie ich aus verfahrenen Lebenssituationen herauskomme.

  4. Lerne deine Bedürfnisse mitzuteilen und auch einmal Nein zu sagen.

  5. Werde aktiv. Entscheide dich, den Weg zu beginnen und mach den ersten Schritt.

Zugegeben, die Vereinbarkeit ist streckenweise schwierig zu bewerkstelligen! Vor allem, wenn die Kinder nachts wach sind und du zu wenig schläfst. Da bleibt auch deine Work-Life-Balance auf der Strecke. Das ist und war auch bei mir so. Allerdings bin ich überzeugt, dass das Schaffen einer ausgeglichenen Work-Life-Balance auch für dich möglich ist. Mit einem Plan, Ausdauer und einer wohlwollenden inneren Haltung dir selbst gegenüber. Du kannst viel mehr dafür tun, als du jetzt vielleicht denkst!


Das kannst du tun:

Erstens: Sei dankbar für alles, was du schon hast! Besonders für die kleinen Dinge und schönen Momente im Alltag. Ein Dach über dem Kopf, die Blumen, die blühen, das Grün einer Tanne, eine Person, die dich anlächelt... Es gibt so viel im Leben, wofür du dankbar sein kannst. Alles, was du hast, ist dein Fundament. Du musst es nur erkennen, damit du darauf aufbauen kannst. Fange heute mit drei Dingen an, für die du dankbar bist und führe jeden Tag die Liste weiter.


Zweitens: Nimm dir Zeit, über deine Wertvorstellungen und wie du leben möchtest, nachzudenken. Stell dir vor, es gäbe keine Einschränkungen. Was würdest du dann tun? Wie viel Zeit hättest du zur Verfügung für eine spannende Stelle? Wie viel Zeit möchtest du investieren für deine Kinder, einen Partner, dich selbst, anderes, das dir am Herzen liegt? Entwickle also deine Vision.


Die Antworten auf diese Fragen hängen stark von deinem persönlichen Empfinden ab. Nur du allein weisst, was für dich stimmt. Finde heraus, was für ein Typ du bist. Falls du einen Partner hast, gestaltet zusammen ein Familienmodell, das euren Bedürfnissen gerecht wird und für euch beide stimmt (mehr dazu im Bericht). Falls du dabei Unterstützung brauchst, lass dich von einem Coach beraten.


Ein kleiner Exkurs zum Thema Schuldgefühle

Ich höre immer wieder von berufstätigen Müttern, dass sie sich schuldig fühlen, nicht genug da zu sein für ihre Kinder. Nicht berufstätige Mütter fühlen sich dafür schuldig, dass sie ihre gute Ausbildung nicht nutzen. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch. Das Kind braucht eine zuverlässige Bezugsperson, die ihm Geborgenheit gibt. Wenn es dir also Spass macht Vollzeit zu arbeiten, dann mach es. Umgekehrt gibt es keinen Grund sich zu schämen, wenn du es geniesst mehr Zeit mit deinem Kind zu haben, eine Weile gar nicht zu arbeiten oder in Teilzeit. Für alle Modelle gibt es gute Gründe. Dein Kind merkt, wenn es dir gut geht und davon profitieren alle.


Drittens: Lerne deine Bedürfnisse besser kennen, teile sie mit, schau genauer, ob sie in dieser Lebensphase auch wirklich Priorität haben. Vieles lässt sich parallel machen, mit Kreativität und ständiger Anpassung, aber es gibt auch Grenzen. Um diese Dinge klarer abzuwägen, kann es hilfreich sein, wenn du dich an eine Vertrauensperson wendest, um eine Aussensicht zu erhalten oder Denkanstösse zu kriegen, wie du in deiner Situation weitergehen kannst und welche Optionen es noch geben könnte. Dann bist du bereit, die notwendigen Gespräche mit dem Partner oder Arbeitgeber zu führen und dich für deine Bedürfnisse einzusetzen.

Vielleicht willst du dich beruflich verändern, um mehr Zeit für deine anderen Lebensbereiche zu haben? Hast du an alle Möglichkeiten gedacht?


Viertens: «Sei dein eigener Chairman, der Chairman deiner selbst. Höre auf deine inneren Stimmen – deine verschiedenen Bedürfnisse, Wünsche, Motivationen und Ideen.»

– Ruth Cohn: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion


Übernimm Verantwortung für dich selbst! Wenn es stressig ist bei der Arbeit und dir jemand kurz vor Feierabend noch ein Meeting reinstellt, obwohl du im Kalender ein «blocked» drin hast, sage: «Es tut mir leid, ich bin leider schon verplant. Aber wir können gleich morgen früh darüber sprechen. Schau in meinem Kalender nach einem Slot, der ist aktuell.» Suche das Gespräch mit deinem Partner oder mit dem Arbeitgeber. Teile deine Wünsche und Bedürfnisse mit und bleib im Dialog. Du wirst sehen, so viel lässt sich realisieren, wenn du nur damit beginnst, es anzusprechen! Wenn du weisst, was du willst, wird es dir viel leichter fallen, «nein» zu sagen, wenn etwas nicht mit deinen Wünschen übereinstimmt. Es wird dir dafür umso leichter fallen, «ja» zu sagen, wenn ein Angebot kommt, das mit deinen Interessen übereinstimmt. Lerne das eine vom anderen zu unterscheiden und handle danach.


Fünftens: Deine Ressourcen sind begrenzt und deine Energie soll für alle reichen. Nimm dir darum regelmässig Zeit für dich, reflektiere, wo du stehst in der Zielerreichung und mach dann erst den nächsten Schritt. Such dir einen Sparring Partner, der dich regelmässig an deine Ziele und Wünsche erinnert, dich herausfordert und ermutigt, den nächsten Schritt auch tatsächlich zu gehen. So kommst du sicher ans Ziel!


«Das klingt so einfach und doch so anstrengend!»

Eine ausgeglichene Work-Life-Balance ist kein Selbstläufer. Es braucht Mut, zu deinen eigenen Bedürfnissen zu stehen und aktiv an deiner beruflichen Entwicklung zu arbeiten. Nicht immer decken sich die Vorstellungen vom Arbeitgeber mit deinen Vorstellungen. Darum sind Verhandlungsgeschick und exzellente Kommunikationsfähigkeiten sehr wichtig. Das lässt sich lernen und mit der Übung wird es dir auch immer leichter fallen. - Nicht immer lässt sich alles sofort verwirklichen. Doch mit einem Plan, Geduld und einem starken Warum schaffst auch du diesen Schritt. Trau dich, es einfach auszuprobieren und sieh es als Lernprozess, der dich aktiv fordert und auch grosse Freude macht! Schritt für Schritt wirst du deiner Vision näherkommen und sie schliesslich verwirklichen. Es ist dein Leben und deine Entscheidung, was du damit machst. Lass dich also nicht von anderen verunsichern und vor allem, bleib dir treu.

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